Großbaustelle Berlin. In der Hauptstadt wird an allen Ecken und Enden gebaut. Selten aber hat man solch emsige Arbeiter bei der Sache gesehen, wie gerade auf dem herbstsonnigen Schulhof der Anna-Lindh-Schule im Wedding. Schüler der vierten Klasse messen Holz aus, sägen Bretter zurecht, hämmern und bohren mit Begeisterung. Gemeinsam mit dem Bildhauer Ronald Wozniak gestalten die Mädchen und Jungen einen Schulkiosk, den sie später auch selbst verwalten möchten.
Aus Betonsteinen haben die Kinder gemeinsam mit Wozniak in der letzten Woche der großen Ferien das 2,50 m2 große Fundament für die Verkaufsbude gelegt. Seitdem geht der Bau rasch voran. Täglich arbeiten etwa zehn Schüler zwei Stunden. Wozniak ist beeindruckt: „Kaum ein Kind hat zuvor einen Akkuschrauber, eine Wasserwaage oder eine Säge in der Hand gehabt. Heute arbeiten sie selbständig und korrekt. Dabei ist es ja recht komplex, meine Einweisungen erst zu verstehen und dann auch noch praktisch umzusetzen.“
Doch das klappt. Fast alle Bretterwände stehen schon, nur das Material für das Dach fehlt noch. Das liefert Detlev Cleinow, Projektleiter der Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ des Evangelischen Johannesstifts, die die Aktion mit 2.000 Euro unterstützt. „In meinem Schuppen zuhause stehen noch Glasfaser-Platten herum, das stelle ich gern zur Verfügung“, sagt Cleinow und freut sich: „Der Kioskbau passt perfekt zu unserem Leitbild: Wir sind überzeugt, dass Lernen nicht nur durch Theorie funktioniert, sondern auch und vor allem durch Handeln.“
Eine These, die Ronald Wozniak durch eine Beobachtung bestätigen kann: „Eines unserer Kinder ist erst vor kurzem aus Polen nach Deutschland gekommen. Es beherrscht die Sprache noch nicht und hat zu Beginn kaum gesprochen. Nach einigen Tagen hat das Mädchen angefangen, sich mit den anderen rege auszutauschen. Wahrscheinlich ist für sie diese freie, andere Form des Arbeitens förderlicher. Denn es ist natürlich einfacher, nach Werkzeugen zu fragen und sich im Team auszutauschen, als in der normalen Unterrichtsstunde zu kommunizieren.“
Reichlich zu tun werden die Kinder selbst dann noch haben, wenn das Häuschen steht. „Unsere Schüler sollen sich selbst um den Verkauf kümmern. Dazu gehört beispielsweise, sich zu überlegen, was verkauft werden soll und woher es kommt“, berichtet Andrea Orthen-Richter, Lehrerin für den Sachunterricht. „Über den Verkaufstresen dürfen sicherlich einige Süßigkeiten gereicht werden, doch alle Waren sollen gesund sein. Wir planen eine AG, die kleine nahrhafte und vitaminreiche Snacks zubereitet, die hier gekauft werden können.“ So lernen die Schüler gleichzeitig, wie eine gesunde Mahlzeit aussehen kann.
Ihren Kindern traut die Schule viel zu: „Es gilt einiges zu organisieren, nicht zuletzt die Buchführung. Bei allen Schritten helfen wir natürlich, aber wir haben immer das Ziel, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen“, sagt Orthen-Richter.
Ein ganzheitliches Konzept, dessen Idee zuerst im Kinderparlament der Schule formuliert wurde. „Wir sind ganz stolz, dass der Anstoß von den Kindern kam und nun von ihnen umgesetzt wird“, so Dr. Thomas Leeb, Schulleiter der Anna-Lind-Schule. „Es geht uns um ein demokratisches Miteinander und um Selbstverantwortung. Wir haben die Kinder, die das leisten können und leisten wollen. Unsere Schüler erfahren: ´Ich werde wertgeschätzt, wenn ich mich einbringe.’ Das ist für die Entwicklung der Persönlichkeit sehr wertvoll“, meint Leeb und fügt hinzu: „Dabei ist das ein Projekt ohne großen pädagogischen Input, sondern direkt aus dem prallen Leben heraus.“
Wie enorm wichtig den Kindern das Kiosk-Projekt ist, merkt Wozniak an jedem Arbeitstag. Keines der Kinder hat bisher auch nur einen Tag gefehlt. Die 702 Schüler der Anna-Lindh-Schule können sich freuen: Am 28. September wird der Kiosk eröffnet. Doch eins ist sicher: Leben in der Bude herrscht da jetzt schon.
